Tobias Kremkau ist Coworking-Manager im Sankt Oberholz in Berlin. Wir hatten im Rahmen der Studie „Social Media in Coworking-Spaces“ (erscheint Ende 2018) die Gelegenheit, mit ihm über Coworking & Co zu sprechen. Einen Auszug aus dem Interview veröffentlichen wir vorab bei COWORKINGJETZT

Was war der Grund zur Eröffnung des Coworking-Space St. Oberholz in Berlin?
Tobias Kremkau: Das St. Oberholz gibt es seit 2005 und es war am Anfang kein Coworking-Space. Vielmehr war es ein Café mit einer Coworking-Kultur – ich würde sagen es war definitiv der erste Coworking-Ort in der Welt. Als Coworking-Space würde ich es ab 2011 sehen, wo wir Coworking als Geschäftsmodell etabliert haben. Der Kerngedanke war folgender: Es war ein Café, in welchem Menschen arbeiten durften. Das war Teil der Philosophie von Anfang an und war auch relativ neu. Es wurde WLAN angeboten, was zur damaligen Zeit auch total exotisch war. Ansgar Ober-holz, der Gründer, war kein Gastronom, er wollte einfach einen coolen Ort schaffen.

Wie hat sich die Coworking-Kultur im St. Oberholz aufgebaut?
Im Jahr 2005 hat Ansgar Oberholz einen wichtigen Schritt gemacht: Er hat lange Tische aufgestellt. Dies war zu der Zeit in der Gastronomie sehr ungewöhnlich. Man saß also mit Fremden zusammen. In der Soziologie redet man von Copräsenz: Es ist eine Form der Kommunikation, aber non-verbal. Man sitzt immer mit denselben Leuten am Tisch und sieht z. B., dass sie denselben Cappuccino trinken oder dasselbe MacBook haben – man fühlt sich einfach verbunden, ohne dass man sich kennt. Das senkt die Hürde, eine Person einfach anzusprechen. Ich würde sagen, dass es der Ursprung der Community ist. Nun haben wir im St. Oberholz viele Start- ups gegründet und alle erzählten, dass die ersten Angestellten immer Cafégäste waren.

Wer sind die Coworker im St. Oberholz?
Am Anfang waren es meistens Remote-Worker, die digital gearbeitet haben. Also Freelancer und Start-ups. Aber seit 2-3 Jahren sehen wir zunehmend die Corporate-Coworker. Unternehmen schicken ihre Teams in das St. Oberholz. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Der Ort ist dezentral, ermöglichen Austausch und daraus resultiert die Innovation, was für Unternehmen sehr wichtig ist.

Wie ist das St. Oberholz aufgebaut?
Der Fokus liegt auf dem Open Space und den langen Tischen. Dies ermöglicht natürlich, Mitgliedschaften in Form von Hotdesks anzubieten. Diese kann man aber auch flexibel buchen, es sind nie alle Mitglieder zur selben Zeit da.

Welche Einnahmequellen gibt es im St. Oberholz?
Es gibt allgemein sehr vielfältige Einnahmequellen im Coworking-Space. Laut der Global Coworking Survey kommen nur 60% der Einnahmequellen aus Mitgliedschaften und Räumen. Für die restlichen 40% empfehle ich Konferenz- und Eventraum-Buchungen oder auch Gastronomie. Es ist ein bunter Mix, man darf sich nicht auf eine Sache fokussieren. Dies wird langfristig nicht funktionieren. Bei uns zum Beispiel kommt noch die Beratung hinzu. Eine Zeit lang haben wir sogar Übernachtungen angeboten.

Wie wird die Coworking-Community im St. Oberholz gefördert?
Tobias Kremkau: Die Community entsteht automatisch durch den Aufbau des Space und den permanenten Austausch. Wenn ich weiß, dass jemand einen Grafikdesigner sucht, muss ich beide Parteien zusammenbringen und einander vorstellen. Jedoch för-dern wir dies auch gezielt mit verschiedenen Events, zum Beispiel einem Member-Frühstück, Meetups oder Vorträgen.

Werden interne Plattformen im St. Oberholz genutzt?
Intern nutzen wir keine Online-Plattformen. Wir nutzen Newsletter als Kommunikationsplattform und verschiedene Flyer und Zettel im Space. Wir haben mit Online-Plattformen kleine Nutzergruppen getestet und das Ergebnis war: „Nicht noch eine Facebook-Gruppe oder einen Slack-Workspace“.

Warum werden gerade diese internen Kommunikationswege genutzt?
E-Mails sind einfach interessanter, weil sie einen direkten Kontakt bieten und ohne eine Anmeldung funktionieren. Die E-Mail-Adressen haben wir sowieso bereits schon, weil wir bei der Anmeldung nach ihnen fragen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Community vor allem durch den menschlichen Kontakt zustande kommt.

Werden externe Plattformen im St. Oberholz genutzt?
Wir nutzen Facebook, Twitter, Instagram und haben in den letzten zwei Jahren eine Strategie von Gastbeiträgen verfolgt, d.h. überall publiziert, wo angefragt wurde und Podcasts veröffentlicht.

Welche Ziele werden mit der Nutzung verfolgt?
Definitiv die Sichtbarkeit zu erhöhen. Dies ist ein sehr wichtiges Mitgliederakquise-Tool. Seitdem wir Coworking-Fläche sichtbar gemacht haben, haben wir mehr Mitglieder, da die Leute das Arbeitsmodell ganz einfach sehen. Und da leistet Instagram einen sehr hohen Beitrag. Durch Bilder können wir sehr viele Insights, unser Design, unsere Produkte und das Miteinander im Space zeigen. In der Theorie denke ich auch, dass es unser wichtigstes Tool in der Zukunft sein wird. Auf internationalen Konferenzen werde ich nicht mehr nach meiner E-Mail gefragt, sondern nach meinem Instagram-Account.

Werden auch Offline-Maßnahmen durchgeführt?
Wir haben gemerkt, dass Vorträge ein wichtiges Tool für das Business sind. Es ist ein sehr gutes Akquise-Tool. Wir hören von sehr vielen Leuten, dass sie unsere Vorträge auf Konferenzen in Mailand oder Japan gehört haben.

Würden Sie generell zustimmen, dass soziale Plattformen die Entwicklung von Coworking-Spaces fördern?
Ja, das wichtigste ist meiner Meinung nach der Google-Maps-Eintrag. Das bedeutet, sichtbar zu sein. Dann würde ich empfehlen, eine Facebook-Seite aufzusetzen, weil dort die Mitglieder nach Öffnungszeiten fragen. Das heißt, diese beiden Maßnahmen als eine Art Location-Datenbank genutzt werden sollten – und Instagram, wie gesagt, zur Kommunikation. Twitter sehe ich persönlich für ein Coworking-Space nicht als wichtig an – und das sage ich als großer Twitter-Fan!

Das komplette Interview mit Tobias Kremkau wird in der Studie zur Nutzung von Social Networks in Coworking-Spaces erscheinen.