Da deutet sich ein dicker Deal in der Coworking- und Flex-Office-Branche an: Nach Berichten aus dem Markt soll die IWG Gruppe (vielen bekannt über die Marke Regus) Interesse an Design Offices haben. Ob es am Ende zu einem Zusammenschluss, einer Übernahme oder „nur“ zu einer strategischen Lösung kommt – allein die Diskussion zeigt, in welcher Phase sich unser Markt gerade befindet: Konsolidierung, Professionalisierung, Repositionierung.
Ich beobachte diese Entwicklung mit großem Interesse – nicht nur als Betreiber, sondern vor allem aus meiner Perspektive als Präsident des Bundesverbands Coworking Spaces (BVCS). Denn wenn so ein Deal wirklich passiert, ist das nicht nur ein Unternehmens-Event. Dann ist es ein Strukturmoment.
1) Konsolidierung: Der Markt wird erwachsener – und härter
Wir sehen seit einiger Zeit, dass Flex Office und Coworking nicht mehr als „Experiment“ betrachtet werden, sondern als fester Baustein moderner Arbeitswelten. Große Player bauen aus, kleinere Player müssen ihr Profil schärfen, und Investoren schauen sehr genau hin.
IWG ist in diesem Kontext ein Schwergewicht: ein globaler Anbieter mit tausenden Standorten und einem starken Fokus auf Skalierung. Wenn ein Konzern dieser Größe einen der bekanntesten Premium-Anbieter im deutschen Markt übernimmt, dann verschieben sich Kräfteverhältnisse. Punkt.
Was das konkret bedeuten könnte:
- Mehr Marktmacht in Top-Lagen.
- Mehr Verhandlungsmacht gegenüber Vermietern.
- Mehr Druck auf mittelgroße Anbieter, die zwischen „Premium“ und „Preis“ hängen.
- Mehr Tempo in der Konsolidierung (weil so ein Deal Signalwirkung hat).
Und ja: Auch Vermieter und Projektentwickler werden sich das anschauen. Für viele ist ein großer Konzern schlicht ein Stabilitätsanker – gerade in einem herausfordernden Immobilienmarkt.
2) Markenfrage: Bleibt „Design Offices“ Premium – oder wird es „Teil des Systems“?
Der spannendste Punkt ist für mich weniger die Frage nach Quadratmetern oder Standorten. Es ist die Marken- und Produktfrage. Design Offices steht im Markt klar für Premium: hochwertige Flächen, starke Event- und Meeting-Kompetenz, ein kuratiertes Umfeld. IWG steht für Standardisierung, Skalierung und ein internationales Netzwerk (Regus, Spaces und weitere Marken).
Wenn beides zusammenkommt, gibt es zwei Richtungen:
Variante A: „House of Brands“
Design Offices bleibt als Premium-Marke relativ eigenständig, mit eigenem Look & Feel, eigenem Produkt und eigener Tonalität. IWG liefert eher Infrastruktur, Einkauf, Backoffice, Vertriebskraft. Passend zur bisherigen Markenstrategie von IWG.
Variante B: stärkere Integration / Standardisierung
Design Offices wird stärker in Prozesse, Produktlogik und Preismodelle von IWG integriert. Das kann effizient sein – aber es birgt das Risiko, dass Premium verwässert.
Und genau hier kommt ein Punkt ins Spiel, den viele in der Szene sofort ansprechen:
3) Reputations-Transfer: Färbt ein „Regus-Image“ auf Design Offices ab?
Ich halte das für möglich – zumindest in Teilen.
IWG/Regus wird von vielen Kunden als extrem vertriebs- und vertragsgetrieben wahrgenommen. Wer sich auf Bewertungsplattformen umsieht, findet regelmäßig Kritik an Billing, Service-Prozessen oder Kündigungswegen – das ist nicht „die Wahrheit“, aber es prägt Wahrnehmung.
Design Offices hat dagegen ein anderes Markenversprechen: „Feel good, work better“ – Premium-Umfeld, hochwertige Ausstattung, moderne Arbeitslandschaften.
Wenn nun im Kopf der Kunden ein einfacher Satz entsteht – „Design Offices gehört jetzt zu Regus“ – dann kann das bei bestimmten Zielgruppen Vertrauen kosten. Nicht bei allen. Corporates denken oft pragmatischer: globale Verfügbarkeit, standardisierte Verträge, schnelle Rollouts. IWG ist in genau diesem Segment stark positioniert. Aber im Mittelstand, bei Gründern, bei community-orientierten Teams kann der Effekt real sein.
4) Produkt- und Preisfolgen: Was passiert mit Meeting, Event, Community?
Ein Deal wirft auch eine operative Frage auf: Was wird aus dem, was Design Offices besonders gemacht hat?
Event- und Meetinglastigkeit, hoher Anspruch an Design und Atmosphäre, ein gewisser Community-Charakter (auch wenn DO anders tickt als klassische Coworking-Community-Spaces). IWG kann das alles – aber die DNA ist eine andere. Und wenn sich Produkt und Service stärker in Richtung „System“ bewegen, dann entsteht im Markt eine Lücke: Premium, aber nahbar. Professionell, aber nicht konzernig. Und genau da wird es für andere Anbieter spannend.
5) Chancen für andere Anbieter: Ja – wenn sie sie aktiv nutzen
Ich stimme der These zu: So ein Deal kann Chancen für andere schaffen.
Aber nicht, weil „die Großen“ automatisch Fehler machen. Sondern weil in Konsolidierungsphasen plötzlich vieles neu sortiert wird: Kunden vergleichen neu, Vermieter denken neu, Teams suchen Alternativen, lokale Netzwerke verschieben sich, Chancen entstehen für Anbieter, die klar positioniert sind.
Zum Beispiel:
- echte Community statt reiner Flächenlogik
- Transparenz statt komplizierter Vertrags- und Preismodelle
- lokale Verwurzelung und Nähe
- klarer Produktfokus (z. B. Corporate Hubs, Team Offices, Meeting-first, etc.)
- verlässliche Partnerschaften mit Kommunen, Wirtschaftsförderungen, Netzwerken
Mein Eindruck: In Deutschland gibt es viele Betreiber, die genau das können – sie müssen es nur konsequent erzählen. Nicht als Werbespruch, sondern als echtes Profil.
6) Signalwirkung für Investoren und den Gesamtmarkt
Ein Deal dieser Größenordnung hätte auch Signalwirkung in Richtung Kapitalmarkt: Flex Office bleibt relevant. Und zwar nicht als „Trend“, sondern als struktureller Bestandteil moderner Immobilien- und Arbeitsstrategien.
IWG baut das Standortnetzwerk in Deutschland weiter aus und positioniert sich als Infrastruktur-Player für hybrides Arbeiten. Design Offices wurde zuletzt im Markt auch mit Kostendruck und vorsichtigerem Wachstum in Verbindung gebracht – solche Phasen sind oft genau die Momente, in denen strategische Optionen entstehen.
Mein Fazit
Wenn es zu diesem Deal kommt, wird das nicht einfach „mehr vom Gleichen“. Dann wird sich der Markt neu sortieren.
Ja, es kann Reputations- und Markenrisiken geben.
Ja, es kann eine Premium-Lücke geben.
Und ja: Das kann Chancen für andere Anbieter schaffen.
Aber die wichtigste Konsequenz ist aus meiner Sicht eine andere: Jetzt ist die Zeit, die eigene Positionierung zu schärfen. Wer klar weiß, wofür er steht – und es auch sauber kommuniziert – kann in Konsolidierungsphasen sogar gewinnen.
