Über verschiedene Coworking Space-Konzepte sowie die öffentliche Förderung und Unterstützung von Coworking Spaces im deutschen und europäischen Raum sprachen Dr. Annabelle Krause-Pilatus und Prof. Dr. Werner Eichhorst auf der #zukunftcoworking im Oktober in Köln. Dabei stellten sie im Zuge ihrer Keynote „Bedeutung von Coworking Spaces als Dritter Arbeitsort in Deutschland“ auch die Ergebnisse ihrer Studie für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales vor.

Die digitale Transformation bringt Trends zu zeit- und ortsflexiblerem Arbeiten hervor. Gleichzeitig sorgen der demografische Wandel und der Fachkräftemangel dafür, dass Arbeitgeber stärker in die Gewinnung von Fachkräften investieren müssen. Nicht zuletzt führen hohe Energiepreise dazu, dass Arbeitsweisen benötigt werden, die weniger Umweltressourcen verbrauchen. Die Corona-Krise hat indes die Bereitschaft der Arbeitgeber für neue Konzepte erhöht, gleichzeitig hat sich aber auch der Wunsch der Beschäftigten danach verstärkt. Die Konsequenz: Coworking Spaces als Dritte Arbeitsorte für abhängig Beschäftigte.

Vor- und Nachteile aus Beschäftigten- und Unternehmensperspektive

“Im Laufe der Studie haben wir festgestellt, dass immer mehr Angestellte sich einen wohnortnahen Dritten Arbeitsort wünschen”, erklärte Annabelle Krause-Pilatus, die die Studie mit durchführte. Die Vorteile für Beschäftigte wie verkürzte Pendelzeiten und die Verfügbarkeit einer professionellen Büroinfrastruktur ohne Ablenkung und mit räumlicher Trennung vom Privatleben sowie sozialen Kontakten und Netzwerken stehen dabei den denkbaren Nachteilen wie dem Wegfall von beruflichem und privatem Multitasking sowie dem Ablenkungsrisiko durch soziale Kontakte oder Geräuschpegel gegenüber.

Aus Unternehmensperspektive stehen die Vorteile der räumlichen Ausdehnung des Arbeitsmarkts, Imagegewinn und Umweltschutz sowie eine professionelle Ausstattung mit weniger Ablenkungspotenzial und gleichzeitig die Einhaltung des Arbeitsschutzes und der Abbau von kostspieligem Büroraum den denkbaren Nachteilen wie möglicherweise nicht optimaler technischer Infrastruktur, Datenschutzrisiken und eventuellem Abfluss von Betriebsgeheimnissen sowie der erhöhten Frequenz von Arbeitgeberwechseln durch ein gestärktes professionelles Netzwerk der Angestellten gegenüber. “Das Gewicht der einzelnen Faktoren ist bislang aber noch nicht systematisch und empirisch untersucht”, betonte Annabelle.

Deutschlands Coworking-Landschaft

Der Coworking-Markt in Deutschland wächst, ist aber weiterhin ein Randphänomen. Die Ansiedlung in ländlichen Gebieten nimmt immer mehr zu. Die wirtschaftliche Tragfähigkeit eines Coworking Spaces ist laut der Studie abhängig von Größe, Zielgruppe und Standort.

Als nächstes betrachtete Annabelle verschiedene Coworking Space-Konzepte. Zum einen den klassischen Coworking Space, der seinen Fokus auf die Grundwerte des Coworkings legt und bei dem die sozialen Ziele vor der betrieblichen Rentabilität stehen. Die meisten klassischen Coworking Spaces haben ein heterogenes Angebot, teilweise sind sie aber auch zielgruppenspezifisch. Zum anderen gibt es kommerzielle Coworking Spaces bzw. Hybrid Spaces. Diese gehören oft zu großen, teils internationalen, Ketten und haben als Ziel eine möglichst profitable Bereitstellung von Büroflächen. Networking und Community-Gefühl spielen eine eher untergeordnete Rolle, die Hauptzielgruppe sind mittlere und größere Unternehmen. Solche Spaces sind vorrangig in Großstädten zu finden. Dem gegenüber stehen Coworking Spaces im ländlichen Raum, bei denen öffentliche Akteure wie Kommunen eine größere Rolle spielen. In vielen Fällen werden solche Coworking Spaces mit öffentlichen Förderangeboten unterstützt. Zuletzt sprach Annabelle über Coworking Spaces in Pendlerhäfen. Diese sind aktuell noch ein Randphänomen “mit Wachstumspotenzial”. Die Nachfrage der Beschäftigten nach solchen Coworking Spaces ist allerdings ungewiss. Entscheidend für den Erfolg sind hier eine verkehrsgünstige und Nachfrage-orientierte Lage. “Es gibt viele Gründe, warum es sich für Angestellte anbietet, in Coworking Spaces zu arbeiten”, fasste Annabelle zusammen.

Öffentliche Unterstützung für Coworking Spaces

Werner Eichhorst sprach über mögliche öffentliche Förderungen und Unterstützungen für Coworking Spaces. Denn solange diese sich nur an betriebswirtschaftlicher Profitmaximierung orientieren, wird es ein zu geringes Angebot an Coworking Spaces geben. Volkswirtschaftliche und soziale Effekte von Coworking Spaces sind empirisch bisher nur rudimentär untersucht.

Begründungen für eine öffentliche Unterstützung können zum Beispiel Innovation und Wachstum sein. Denn durch öffentliche Unterstützung können gesellschaftlich nützliche Innovationen durch Netzwerken der fortschrittsorientierten Zielgruppe hervorgebracht werden. Dies geschieht vorrangig im klassischen Coworking Space. Die Förderung von Coworking Spaces kann daher unter Einschränkungen als Gründungsförderung verstanden werden. Ebenso ist die Stärkung regionaler Strukturen eine mögliche Begründung. Durch Dritte Arbeitsorte kann die Regionalentwicklung im ländlichen Raum unterstützt werden, wirtschaftlicher Strukturwandel kann abgefedert und strukturschwacher Raum belebt werden. Eine weitere mögliche Begründung für öffentliche Unterstützung kann die Arbeitsmarkt- und sozialpolitische Zielsetzung sein. Dazu zählt zum Beispiel die Gleichstellung und Inklusion von erwerbstätigen Müttern oder Zielgruppen mit hohen Diskriminierungsrisiken. Zudem können Dritte Arbeitsorte wie Coworking Spaces zum Schutz der Gesundheit und zum Umwelt- und Klimaschutz beitragen.

Fördermöglichkeiten

Die Förderlandschaft mit Programmen der EU und von Bund und Ländern sind sehr vielschichtig, fragmentiert und auch unübersichtlich. “Allein im Bereich Digitalisierung gibt es rund 1.500 Förderprogramme”, so Werner. Die Programme richten sich nicht ausdrücklich an Coworking Spaces und haben oft auch keinen Fokus auf den ländlichen Raum. Ein dominantes Förderziel ist aber die Strukturbelebung ländlich geprägter Orte. Im Anschluss an diese Einordnung gab Werner einen Überblick über verschiedene Förderprogramme im europäischen Raum. Nachgelesen werden können diese in der am Ende des Beitrags verlinkten Präsentation.

Wichtig zu betonen war für den Professor: “Coworking Spaces, die funktionieren sollen, müssen sich am konkreten Bedarf ausrichten”. Ob kommerzieller, klassischer oder ländlicher Coworking Space oder Pendlerhafen, sie alle sollten darauf ausgelegt sein, was die (potenziellen) Nutzer brauchen und wünschen. Zum Ende war ihm wichtig: “Coworking Spaces sollten als Arbeitsmodell weder überschätzt, noch unterschätzt werden.” Letztlich bringen Dritte Arbeitsorte viele Vorteile mit sich, müssen sich aber nach und nach noch etablieren. Außerdem sind aufgrund der Tatsache, dass Coworking Spaces sich nicht in jedem Fall selbst tragen können, öffentliche Förderungen denkbar, aber in jedem Fall begründungsbedürftig.